Mythos Kino als Geschichtsparallele

Mythos Kino als Geschichtsparallele2018-02-10T00:24:07+00:00

Aufstieg, Niedergang und Neuerfindung der Hüttenstadt.

Ein unvergleichlicher Unterschied. Das „Lichtspieltheater“ der 20er bis 50er Jahre, Treffpunkt, nun nicht gerade des Establishments, wohl aber der gut situierten Bürgerlichkeit in Anzug und Krawatte. Es war ein akzeptierter gesellschaftlicher Mittelpunkt mit dem Alleinstellungsmerkmal der Faszination bewegter Bilder.

Das „Kino“ der 60er ist ein völlig anderer Ort. Ein potentiell skandalträchtiger Treffpunkt der jüngeren Generation, ein schriller Mitbewerber unter vielen im Konzert der bunten Unterhaltungsmedien. Der Informationsauftrag, zunächst wie ein lästiger Schuh abgestreift, führte die TV Konkurrenz im privaten Wohnzimmer scheinbar unaufhaltsam zur Marktführerschaft.

Tagesschau ersetzt Wochenschau!

Das wechselhafte Schicksal der Lichtspieltheater parallelisiert auf geradezu unheimliche Weise die Höhen und Tiefen einer Industriestadt, deren Potential ebenso vom Lebensgefühl ihrer arbeitenden Bevölkerung bestimmt wurde wie von den Zwängen der globalen Stahlkonjunktur.

Eine Erfindung wie etwa die des „Autokinos“ konnte, ganz folgerichtig, nur der ersten automobilen Gesellschaft der Geschichte gelingen. Im Juni 1933 flimmerten in Camden, (New Jersey) erstmals bewegte Bilder für statisch verharrende Blechkutschen über die Leinwand. Paradoxerweise korrelieren eben goldene Unterhaltungsideen recht häufig mit wirtschaftlicher Depression und der „schwarze Freitag“ steckte der Weltwirtschaft der 30er Jahre noch tief in den Knochen. Auch jenseits des großen Teichs war die Faszination des Filmtheaters angeknackst aber ungebrochen. Zwar war in Völklingen an Kinobesuche im Automobil nicht zu denken, aber die Leinwände der Hüttenstadt erfüllten nach wie vor ihre Doppelfunktion als Informations- und Unterhaltungsmedium.

Nach 1910 hatte sich das Lichttheater dank technischer Innovationen rasch von der reisenden Jahrmarktsattraktion zur urbanen Institution gemausert. Neues Medium, neue Kunstform aber vor allem wahrgenommen als kostengünstige Abendunterhaltung.

Der bürgerliche Benimmkodex des klassischen Bühnentheaters kam beim Publikum instinktiv zur Anwendung, kombiniert mit dem willkommenen Informationsgehalt einer Wochenzeitschrift und garniert mit einer Spielfilmhandlung.

Etwas völlig Neues war entstanden.

Wochenschau – Vorfilm – Hauptfilm, dazwischen gesellschaftliche Kontakte, ein Cocktail in aller Unschuld und das Ganze natürlich in Abendgarderobe. Sehen und gesehen werden, das Lichttheater als bürgerlicher Repräsentationsraum.

Und es wurde geraucht! Das Filmvorführgeschäft, selbst dank der leicht entzündlichen Nitrozellulosefilme eine feuergefährliche Angelegenheit, fand eine nachgerade logische Entsprechung im rauchgeschwängerten Zuschauerraum, dessen Leinwand nicht selten nur durch einen dichten Nebel wahrgenommen werden konnte. Rauchende Colts und qualmende Auspufftöpfe der Leinwandautos taten ein Übriges, die gefühlte Modernität des Ganzen zu unterstreichen.

Bis in die 70er Jahre nahm die Qualmkulisse eher noch zu, alles andere veränderte sich jedoch grundlegend. In der ersten Hälfte der 30er Jahre zeichnete das Kino in nicht zu unterschätzendem Maße für die Mobilisierung der Wählermassen verantwortlich, die für den Anschluss der Saar an das deutsche Reichsgebiet votierten.

Doch das war nur der Auftakt zum folgenden, wirklich dämonischen Kapitel. Das Kino verliert im Sumpf der Propaganda und Desinformation des dritten Reichs seine Unschuld nicht aber seine Attraktivität. 1941, mitten im Krieg, eröffnete in der „Adolf-Hitler-Straße“ (vormals Wilhelm-, heute Rathausstraße) die „Westmark Filmbühne“ nagelneu und linientreu. Etablierten Völklinger Betrieben wurde eiskalt die Konzession entzogen.

Im ersten Nachkriegsjahrzehnt läuteten die weitgehend unzerstörten Kinosäle Völklingens so etwas wie das „goldene Zeitalter“ der Lichtspielhäuser ein. „Stars“ erschienen leibhaftig auf der Bildfläche, die den Weg niemals in den abgelegenen Südwesten gefunden hätten, wenn nicht begehrte Waren aus Paris, London und New York gelockt hätten. Hans Albers, Ruth Leuwerik und Zarah Leander gaben sich die Ehre, und das Filmgeschäft taumelte dem sich abzeichnenden Wirtschaftswunder entgegen.

1957, im Eröffnungsjahr des Völklinger Residenztheaters, besuchte jeder statistische Völklinger, vom Baby bis zum Greis über 25 mal das Kino. Die sechs Leinwände der Stadt zählten insgesamt 1,25 Mio. Besucher. Das Weltkulturerbe ist heute stolz darauf 0,25 Mio. Gäste zu empfangen. (!)

1959, Tag X, mit der Einführung der D-Mark im Saarland 1959 halbierte sich die Zuschauerzahl im umgekehrten Verhältnis zum Fernsehkonsum. Ein tiefgreifender Wandel vollzog sich. Das bisher etablierte Publikum, seine Gebräuche und Gewohnheiten zog sich in die privaten Wohnzimmer zurück, huldigte Nierentischen, „Toast Hawaii“ und der verordneten Vergangenheitsbewältigung. Eine rebellisch daherkommende „Halbstarkenkultur“ flenzte sich fortan in den verwaisten Plüschsesseln der Kinos. Poppcorn und Pettycoat, Rock´n Roll und James Dean ließen selbst das frisch erbaute Völklinger „Residenztheater“ geradezu altbacken erscheinen.

Weithin unbekannt ist, dass mit der „Telesaar“ bereits ab 1955 ein erster privater Fernsehsender in Deutschland existierte. Das Saarland, bis Ende 1956 nicht integraler Bestandteil der Bundesrepublik, unterlag nicht der deutschen Rundfunkhoheit. Als dann 1984 auch noch das flotte RTL Fernsehprogramm mittels ordinärer Zimmerantenne im Saarraum empfangen werden konnte, läutete ganz leise das Totenglöckchen für die Kinobranche. Die Zuschauer schwanden kontinuierlich angesichts exponentiell zunehmender Möglichkeiten den Feierabend zu gestalten.

Von 1956 bis 2006 verlor die Branche rund 98 % ihrer Besucher!

1952, als Hans Albers adrett im schwarzen Anzug am Völklinger BB Theater vorfuhr, produzierte die Eisenhütte mit Höchstlast unter französischer Sequesterverwaltung. Anfang der 60er Jahre wurde die herrschaftliche Villa der Völklinger Kinodynastie veräußert. In der Rückblende ein deutliches Indiz für die sich abzeichnende Zeitenwende. Mitte der 70er Jahre überschritt die überhitze Stahlkonjunktur eine unsichtbare Scheidemarke und schlitterte unaufhaltsam in die Stahlkrise. Zwar wurde in Völklingen noch zeitverzögert an der Infrastruktur einer „modernen Autostadt“ gewerkelt, doch das Maschinenherz der Stadt stotterte bereits und mit ihm die legendäre Kneipen- und Unterhaltungsbranche. Anfang der 80er Jahre unterschritten die Besuchszahlen die 100.000 Marke und ließen sich, bis das „Residenz“, das letzte verbliebene Völklinger Kino 2006 zeitweilig „stillgesetzt“ wurde, nicht mehr stabilisieren.

„Video killed the Movie Star“.

Aber im Kinogeschäft ist nichts und niemand wirklich tot. Nach Freiluftkinoexperimenten in der Völklinger Innenstadt übernahm seit 2000 das alljährliche Autokino im Weltkulturerbe die Stafette der regionalen Kinogeschichte. Zurück zu den Anfängen, ein modernes Wanderkino, das an die Situation vor 1910 erinnert aber der Eventkultur der Gegenwart huldigt. Auch das Residenz rappelt sich derzeit wieder hoch, es bleibt zu wünschen, dass ihm eine lebensfähige Nische im Kulturbetrieb der Stadt offengehalten wird.

100 Jahre Völklinger Filmtheater

Ben Hur

1928 – ein Jahr vor der großen Wirtschaftskrise. Für Völklingen ein guter Jahrgang. Ganze Straßenzüge, im markanten Stil der späten 20er, wachsen aus dem Boden, Beethovenstraße, Louis-Röchling-Straße, Villen, Bürgerhäuser und eine nagelneue evangelische Kirche.

100 Jahre Völklinger Filmtheater

Am Turm der späteren „Versöhnungskirche“ entfaltete sich ein Werbetransparent zum Kinohit „Ben Hur“. Nach einem nächtlichen Unwetter blieb zum Gaudi der Völklinger nur die Silbe „Hur“ übrig.