Zwangsarbeit in Völklingen

//Zwangsarbeit in Völklingen
Zwangsarbeit in Völklingen2018-10-14T13:46:22+00:00
Zwangsarbeit in Völklingen

Fulcolingas Band 4

CHRISTIAN REUTHER

Zwangsarbeit in Völklingen

Eine Bestandsaufnahme

Grußwort von Oberbürgermeister Klaus Lorig

Oberbürgermeister Klaus Lorig

Oberbürgermeister Klaus Lorig

Der vierte Band der Fulcolingas-Reihe beschäftigt sich mit einem in den vergangenen Jahren viel diskutierten Thema: dem Einsatz ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter in Völklingen während des Zweiten Weltkriegs. Bereits im Sommer des Jahres 1940 wurden die ersten Kriegsgefangenen sowohl durch die Stadtverwaltung als auch durch die Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke zu Arbeiten herangezogen. Unmittelbar darauf wurden auch zivile Arbeiterinnen und Arbeiter zu Tätigkeiten in ortsansässigen Firmen und Betrieben sowie bei städtischen Dienststellen eingesetzt.

Wie viele Zwangsarbeiter gab es in Völklingen? In welchen Betrieben mussten sie arbeiten? Wie viele Lager, in denen sie untergebracht waren, gab es in der Stadt, und wo befanden sich diese? Wie viele Todesopfer sind unter den ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern zu beklagen und was waren die Todesursachen?

Auf diese und weitere Fragen eines der dunklen Kapitel der Stadtgeschichte gibt der ehemalige Stadtarchivar Christian Reuther Antworten. Mit einer aufwendigen und breit angelegten Recherchearbeit konnte er eine Vielzahl an historischen Quellen aufspüren.

Der Autor liefert damit neue Erkenntnisse über das Ausmaß der Zwangsarbeit in Völklingen. Das Buch leistet insofern einen Beitrag zur Diskussion um dieses Thema, indem er historische Fakten liefert, die eine Beurteilung ermöglichen.

Ich bedanke mich bei allen, die zu diesem wichtigen Buch beigetragen haben, an erster Stelle dem Autor Christian Reuther und dem Völklinger Stadtarchivar Michael Röhrig. Mit der Veröffentlichung werden die Ergebnisse allen Menschen nachhaltig zugänglich gemacht.

Der Band ist all denjenigen Menschen gewidmet, die hier unter dem ausbeuterischen NS-System arbeiten mussten und ihr Leben ließen.

Vorwort

Christian Reuther

Christian Reuther

Im Jahr 2000 (21. September) sorgte ein Bericht des ARD-Fernsehmagazins Kontraste über den verurteilten Kriegsverbrecher Hermann Röchling, der mitverantwortlich ist für massenhafte Zwangsdeportationen ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter, und dessen Ehrenbürgerschaft sowie dessen Namenspatenschaft für einen Völklinger Stadtteil bundesweit für Aufsehen, was auch zu Widerstand seitens der Völklinger Bevölkerung gegen die Stadtteil-Namensgebung führte. Der öff entliche Diskurs seinerzeit versandete allerdings. Gleichzeitig spielte die deutschlandweit um die Jahrtausendwende geführte Auseinandersetzung um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter, die in der Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft “ mit einem Stift ungsvermögen von zehn Milliarden Deutschen Mark, in Völklingen eine Rolle, die aber zu keiner langanhaltenden kritischen Aufarbeitung der Zwangsarbeiter-Thematik führte.

Mit dem erneuten Aufkommen der Diskussion um die Umbenennung des Völklinger Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe in Röchling-Höhe seit Anfang 2010 entflammte in der Hüttenstadt an der Saar abermals eine Debatte über die Rolle Hermann Röchlings im Zusammenhang mit der „Zwangsarbeiterpolitik“ während des Dritten Reichs bzw. dessen Rolle während der NS-Herrschaft schlechthin. Die Umbenennung des Stadtteils wurde am 31. Januar 2013 durch Stadtratsbeschluss vollzogen. Seither sind die Auseinandersetzungen aber keineswegs verstummt. Bestrebungen, den Stadtteil in Bouser Höhe, wie er bereits von 1945 bis 1956 hieß, umzubenennen, gibt es nach wie vor. Kürzlich wurden entsprechende Unterschriftenlisten an den Oberbürgermeister der Stadt Völklingen, Klaus Lorig, und die saarländische Ministerpräsidentin, Annegret Kramp-Karrenbauer übergeben.

Anlässlich dieser anhaltenden Diskussionen präsentierten das Stadtarchiv und die Volkshochschule Völklingen 2013 eine Wanderausstellung zu polnischer Zwangs- und Sklavenarbeit, die mit Dokumenten zur Völklinger Zwangsarbeitergeschichte aus dem Stadtarchiv angereichert wurde. Dabei sollte v. a. das Augenmerk darauf gelegt werden, dass auch außerhalb des von Hermann Röchling geführten Unternehmens ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene für Stadt, Firmen und Familien tätig waren. Im November des Jahres 2013 wurde zudem ein Vortrag über Zwangsarbeit in Völklingen durch den damaligen Leiter des Stadtarchivs präsentiert. Mit kleinen Ausstellungen im Rahmen des Tags der offenen Tür im Stadtarchiv wird fortlaufend an das Schicksal der zahlreichen Fremdarbeiter erinnert.

Die Aufarbeitung der Geschichte des Einsatzes ausländischer Arbeiter sowie der nationalsozialistischen Herrschaft in der Hüttenstadt ist keineswegs abgeschlossen und findet in Völklingen weiterhin statt. Von September 2014 bis Juli 2016 widmete sich bspw. das Weltkulturerbe Völklinger Hütte e.V. in einer viel diskutierten Ausstellung „Die Röchlings und die Völklinger Hütte“ u. a. dem Thema Zwangsarbeit in den beiden Weltkriegen. Außerdem wurde im Herbst 2015 eine wissenschaft liche Tagung beim Weltkulturerbe abgehalten, auf der sich auch mit dem Einsatz ausländischer Arbeitskräfte bei der Völklinger Hütte auseinandergesetzt wurde. Jüngst fand im Herbst 2017 eine Ringvorlesung zur Zwangsarbeit in Völklingen und im weiteren Kontext statt.

In der Erinnerungskultur der alten Hüttenstadt spielte die Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg bislang eine untergeordnete Rolle. Lediglich auf dem Waldfriedhof im nördlichen Stadtgebiet mahnt die sogenannte Ausländergedenkstätte an das Schicksal der in den 1940er Jahren verstorbenen Ausländer. Die Erinnerung an die Zwangsarbeit bei der Völklinger Hütte wird seit Sommer 2014 durch eine am Besucher-Haupteingang des Weltkulturerbes Völklinger Hütte verlegte Stolperschwelle des für seine Stolpersteine bekannten Kölner Künstlers Gunter Demnig aufrecht erhalten. Eine ältere Gedenktafel ist heute verschwunden. Die heutige Schwelle, die auf das Völklinger Aktionsbündnis Frieden zurückgeht und nicht unumstritten ist, trägt folgende Inschrift, die in ihrer Datierung verwirrend ist, da bereits seit 1940 dort ausländische Arbeitskräfte eingesetzt worden sind: Röchlingsche Eisen- und Stahlwerke 1941 – 1944 / Zwangsarbeit für den deutschen Endsieg / Tausende müssen unter Zwang für die deutsche Rüstung arbeiten / unterernährt – misshandelt – Arbeitsunfall – krank / Hunderte verlieren ihr Leben.

Die in diesem Band der Reihe Fulcolingas dargebrachten Ergebnisse stellen eine erweiterte und v. a. überarbeitete Fassung des 2013 gehaltenen Vortrages dar. Sie sind keinesfalls als endgültig anzusehen, sondern verstehen sich als Grundlage für weitere intensivere Forschungen. Diese Arbeit hat dokumentarischen Charakter. Der ein oder andere Kritiker wird berechtigterweise das eine oder andere vermissen.

Ohne die wohlwollende Unterstützung verschiedenster Personen wäre eine Aufarbeitung der Thematik nicht möglich gewesen. Den zahlreichen MitarbeiterInnen der Archive im Saarland und darüber hinaus sei recht herzlich gedankt. Dies gilt besonders für Frau Dr. Antje Fuchs vom Archiv der Saarstahl AG, die überaus geduldig Aktenmaterial der ehemaligen RESW zur Verfügung stellte. Auch den ArchivarInnen des Landesarchivs (v. a. Christine Frick und David Kraus) bin ich zu Dank verpflichtet. Frau Ina Breitsprecher vom Röchling-Archiv in Mannheim habe ich für das unkomplizierte Zugänglichmachen von dort aufbewahrten Quellen zu danken.

Hubert Kesternich danke ich für das Bereitstellen einiger in seiner Sammlung befi ndlicher Dokumente. Dr. Inge Plettenberg gilt ein besonderer Dank, da sie mir verschiedene in den Archives Nationales liegende Dokumente zur Verfügung stellte. Ihr unermesslicher Wissensfundus und der gegenseitige Gedankenaustausch lieferten wertvolle Hinweise. Meinem Nachfolger im Stadtarchiv Völklingen, Michael Röhrig, sei für die kritische Durchsicht des Manuskripts und das Erstellen der Abbildungen gedankt.

Dieses Buch widme ich meiner lieben Frau Nicole und meinen beiden wundervollen Kindern Laura und Moritz.