Mythos Schichtwechsel

Mythos Schichtwechsel2018-02-10T00:36:38+00:00

Mythos Schichtwechsel

Aufstieg und Fall des Völklinger Kneipenquartiers

Grußworte

Bis heute ist der Schichtwechsel ein Mythos. Und insofern ist es nur folgerichtig, dass sich die „Mythenjäger“ damit in sehr origineller Form auseinandersetzen. Ich bin mir sicher, dass sich noch viele Bürgerinnen und Bürger an diese Zeit erinnern. Mit ein bisschen Wehmut, aber auch mit Stolz.

Das Menschengewoge aus Torhaus 6 habe ich selbst miterlebt – damals im Jahre 1976, als ich uff der Hitt schaffte, um mir für mein Studium und meinen Auslandsaufenthalt gutes Geld zu verdienen. In Früh-, Mittag- und Nachtschicht.

In der einen Woche war ich im Martinwerk auf Nachtschicht, in der ich mehrmals bei der dort vorherrschenden Hitze zur Teestation geschickt wurde. „Und jetzt gehst Du mit richtig Durst löschen“, sagte damals mein Vorarbeiter. Es war 6.30 Uhr: Schichtwechsel.

Wenig später stand ich vor Bergen von Frikadellen und Dutzenden von vorgezapften Pilsblumen – am Tresen von „Rippsches Eck“. Aber an den Satz meines Vorarbeiters kann ich mich noch gut erinnern: „Wer früh trinkt, steht abends auch pünktlich wieder auf der Matte.“ Und dieser Satz ist für mich wie der Schichtwechsel selbst ein Mythos geworden.

Klaus Lorig
Oberbürgermeister der Stadt Völklingen

„Man könnte froh sein, wenn die Luft so rein wäre wie das Bier…“

Richard von Weizäcker

Mythos Schichtwechsel

„Wie viele vorgezapfte Bierchen waren´s denn nun?“ „Welche Biersorten wurden ausgeschenkt?“

Präzise müsste die Frage lauten: „Zu welchem Zeitpunkt und wo?“, denn das Thema ist überraschend komplex!

Die Konstante des zentralen Völklinger Schichtwechselmythos und zugleich der Albtraum eines Durchschnittsgastronomen war die überwältigende Menge von vorgezapften Biergläsern, die, einem festgefügten Ritual gleich, sich Generationen von durstigen Hüttenarbeitern fest eingeprägt haben. Fragt man aber genauer nach, zerflattern Geschichte und Geschichten zu einer Vielzahl von Erinnerungsfetzen, die perfekte Ursuppe eines kapitalen Alltagsmythos.

Vielleicht sollte zunächst die Frage beantwortet werden, warum dieses alkoholgeschwängerte Thema mit all seinen, unbestritten problematischen Begleiterscheinungen, überhaupt thematisiert werden muss und nicht vielmehr ungestört dem dämmrigen Vergessen überantwortet werden sollte.

Was also ist so kulturwürdig an der Kneipenkultur?

Auch hier ist letztlich der Zeitpunkt der Fragestellung entscheidend. Vor einem Vierteljahrhundert, anlässlich der Stillsetzung des Völklinger Eisenwerks wurde diese Frage ebenso erschöpfend wie radikal mit der Abrissbirne beantwortet. Niemand wäre damals auf die abwegige Idee verfallen, die Völklinger Kneipenlandschaft zu dokumentieren, sie hatte mit dem Ausbleiben ihrer Kundschaft ihre, im doppelten Sinne, wirtschaftliche Daseinsberechtigung eingebüßt und eine andere hatte sie nicht. Im Gegenteil, die Gelegenheit, dem vermeintlichen Schandfleck, dem „Kietz“ den Garaus zu machen war so etwas wie die folgerichtige Apotheose eines rund 100 Jahre währenden Kampfs der städtischen Obrigkeit gegen die Auswüchse des ungeliebten Schankgewerbes. Der saubere Neuanfang, der den Abriss der „Alten Hütte“ ausdrücklich einschloss, wurde gewissermaßen stellvertretend an der verödeten Kneipenmeile vollzogen.

Festzuhalten bleibt, die besondere historische Spielart der Völklinger Schichtwechselkneipenkultur ist Geschichte, ist legitimes sozialhistorisches Forschungsfeld, ist pop, ist relevant und in der etwas verklärenden Rückschau sogar einfach cool.