Aktivitäten der NSDAP im Bürgermeistereibezirk Völklingen bis zur Bildung der Deutschen Front 1934

///Aktivitäten der NSDAP im Bürgermeistereibezirk Völklingen bis zur Bildung der Deutschen Front 1934
Aktivitäten der NSDAP im Bürgermeistereibezirk Völklingen bis zur Bildung der Deutschen Front 19342017-12-15T09:05:53+00:00

Die erste dokumentierte NSDAP-Versammlung in Völklingen, an der 120 Personen teilnahmen, datiert vom 11. April 1930. Geleitet wurde die dreistündige Veranstaltung durch den Saargauleiter Adolf Ehrecke. Als Referent trat der Nürnberger Stadtverordnete und Reichsredner Franz Ludwig Gengler auf, der über Grenzvölker, den Niedergang Deutschlands und die Versklavung der Saarländer referierte. Das ganze kombinierte er mit übler antijüdischer Hetze.

Die nächste belegbare NS-Veranstaltung in Völklingen vom 9. Juli 1930 wurde durch den Sulzbacher Ortsgruppenleiter und Kreisleiter von Saarbrücken-Land Ost, Karl Hiegel, im Völklinger Bürgerbräu am alten Markt, dem traditionellen Stammlokal der Völklinger Linken, einberufen. Redner an diesem Abend war der badische Landtagsabgeordnete Karl Lenz aus Heidelberg. In der von 140 Personen besuchten Veranstaltung – unter den Besuchern befanden sich zahlreiche kommunistische Anhänger – trug Lenz antijüdische, -kapitalistische und -bolschewistische Tiraden sowie Lobeshymnen auf Mussolini vor. Die Veranstaltung wurde durch laute Zwischenrufe seitens anwesender Kommunisten gestört, v.a. als Lenz gegen Ende seines Vortrages nochmals auf die Lage in Russland eingehen wollte. In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion, zu der sich auch Kommunisten zu Wort meldeten, kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Emma Jakob und Karl Hiegel, der sich in seinen Begrüßungsworten abfällig gegen Völklinger Juden geäußert hatte, indem er diesen unterstellte, die NSDAP mundtod [!sic] machen zu wollen.

Polizeibericht über die erste dokumentierte NSDAP-Veranstaltung in Völklingen (Ausschnitt).

Polizeibericht über die erste dokumentierte NSDAP-Veranstaltung in Völklingen (Ausschnitt).

Jakob hatte dem Versammlungsleiter, nachdem dieser sie als hysterisches Weib bezeichnet haben soll, einen Schlag auf den Kopf versetzt. Die aufkommende Unruhe konnte durch einen anwesenden Polizeibeamten und angeforderte Verstärkung beruhigt werden. Von den kommunistischen Diskussionsrednern ging v.a. der Gewerkschaftssekretär und KPO-Gemeinderatsvertreter, Albin Weiß, auf das Programm der Nationalsozialisten ein, warnte seine Parteigenossen, die Sache der N.S. nicht so leicht hinzunehmen, es sei keine Eintagsfliege oder ein Strohfeuer, welches leicht verfliege, und rief zur Einigkeit der Arbeiterschaft bei der Bekämpfung der Nationalsozialisten auf, die mit ihren eigenen Argumenten geschlagen werden könnten.

Am 5. September 1930 hielt die Völklinger NSDAP erneut eine öffentliche Versammlung im Bürgerbräu ab, an der etwa 50 Nationalsozialisten und 50 Kommunisten teilnahmen. Als Versammlungsleiter trat dieses Mal der Völklinger Parteivorsitzende Heinrich Henry auf. Aufgrund einer Erkrankung des eigentlichen Redners Aaltes (vermutlich ist der spätere Landesratsabgeordnete Peter Baltes gemeint) hielt zunächst der Stadtverordnete Egers aus Saarbrücken (wahrscheinlich Karl Friedrich Eckert, der 1929 in das Saarbrücker Kommunalparlament für die NSDAP eingezogen war) einen volkswirtschaftlichen Vortrag. Im Anschluss referierte der Gauführer der saarländischen HJ, Fritz Lorenz (Jugendführer Loren), der häufig als Redner auft rat, zunächst über wirtschaftliche Aspekte im Reich, ehe er die kommunistische Politik und die Arbeiterzeitung u.a. mit antisemitischen Äußerungen angriff. Nach tumultartigen Szenen wurde die Versammlung schließlich durch Polizeibeamte aufgelöst.

Eine nationalsozialistische Versammlung in der Röchling’schen Lesehalle am 25. September 1930 erfolgte offensichtlich ohne Wissen und gegen den Willen von Hermann Röchling, der sich öffentlich distanzierte. Eine für den 3. Oktober 1930 im Bürgerbräu einberufene Versammlung der NSDAP wurde durch die Völklinger Ortspolizeibehörde aus besonderen Gründen verboten. Dennoch hatten sich 18 bis 20 Parteigenossen, meist Jugendliche im Alter von 16 bis 22 Jahren, im Lokal eingefunden, wo sie Parteilieder sangen. Wie ein Bericht der Röchling’schen Werkaufsicht festhielt, waren auch einige Mitglieder der kommunistischen Partei anwesend. Zu irgendwelchen Zwischenfällen kam es aber nicht.

Möglicherweise handelte es sich hier nicht um eine Veranstaltung der Partei selbst, sondern der HJ, für die der Dilsburger Fritz Lorenz um Genehmigung einer öffentlichen Versammlung im Bürgerbräu nachgesucht hatte. Die Völklinger Ortspolizeibehörde genehmigte ihm allerdings auf Anweisung der Reko lediglich eine geschlossene Veranstaltung, die aber laut Kriminalkommissar Zeitz nicht abgehalten wurde. Auch hatte es keine Ansammlungen von kommunistischer Seite gegeben.

Am 5. Dezember 1930 fand im Bürgerbräu ein geschlossener, ereignisloser Sprechabend der NSDAP statt, zu dem an die 70 Personen erschienen waren. Auf einer von gut 70 Personen besuchten, geschlossenen Versammlung der Völklinger Nationalsozialisten im Bürgerbräu am 9. Januar 1931, zu der nur Gäste mit Eintrittskarten Zutritt hatten, referierte abermals der saarländische Gauleiter Adolf Ehrecke über Deutschtum und Judentum.

Obwohl die Völklinger Ortsgruppe Mitte Mai 1931 angeblich an die 250 Mitglieder zählte, blieben die Parteiveranstaltungen recht bescheiden besucht, auch wenn mehrere hundert Eintrittskarten an Freunde und Gönner zur Finanzierung der Abende verkauft wurden. Dieser relativ hohe Mitgliederstand bedingte eventuell die Gründung einer selbstständigen Ortsgruppe in Fürstenhausen. Eine auf den 8. Mai 1931 anberaumte NSDAP Versammlung im Lokal Kammy fiel laut einem Bericht der Röchling’schen Werkaufsicht wegen ungenügender Beteiligung aus. Da der für diesen Abend vorgesehene Redner, der Gauleiter Adolf Ehrecke, dennoch eingetroffen war, zogen sich die elf erschienenen Parteimitglieder in ein Nebenzimmer des Wirtshauses zu Beratungen zurück. Eine zehn Tage später geplante Veranstaltung der Völklinger NSDAP, die in der Völklinger Turnhalle abgehalten werden sollte, war durch die Reko aus sicherheitspolizeilichen Gründen untersagt worden. Als Agitator war der ehemalige evangelische Pfarrer Ludwig Münchmeyer vorgesehen, der 1930 für die NSDAP in den Deutschen Reichstag eingezogen war. Ihm war eine Einreise in das Saargebiet jedoch verweigert worden.

Die Reko verweigerte Hans Kerrl im Sommer 1931 die Einreise in das Saargebiet (Abschrift).

Die Reko verweigerte Hans Kerrl im Sommer 1931 die Einreise in das Saargebiet (Abschrift).

Für den 22. Mai 1931 wurde abermals zu einem Sprechabend der NSDAP im Nebenzimmer des Lokals Kammy eingeladen. Als Versammlungsleiter trat wiederum Adolf Ehrecke auf. Ein aus Saarbrücken stammender, namentlich nicht bekannter Redner des Abends hielt vor etwa 65 Anwesenden einen von Lichtbildern begleiteten, judenfeindlichen Vortrag zum Thema „Rassenkunde“.

Nicht alle NS- und andere Parteiveranstaltungen wurden behördlicherseits genehmigt. Nicht jedem Reichsredner wurde die Einreise in das Saargebiet gestattet. Sicherheitsbedenken waren in der Regel das Argument der Verwaltung. Eine Saargebietsreise des preußischen Landtagsabgeordneten Hanns Kerrl Mitte Juni 1931, die ihn am 20. Juni 1931 nach Völklingen geführt hätte, wurde durch die Reko wegen dessen unerwünschter Anwesenheit verboten.

Außer den Rednern aus dem Reich, von der Gauleitung oder aus dem Saargebiet kamen auf den Sprechabenden auch lokale Parteigenossen zu Wort, die in speziellen Kursen geschult worden waren und meist über das Parteiprogramm referierten. So trat Hermann Passow auf einem Sprechabend der NSDAP in der Obervölklinger Turnhalle am 22. Oktober 1932 im Vorfeld der Gemeinderatswahlen als Referent mit einem Vortrag über „Das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ auf. Unter den ca. 70 männlichen Teilnehmern befanden sich auch einige Kommunisten, die z.T. mit gefälschten Eintrittskarten die scharfen Einlasskontrollen umgangen hatten. Später wurde Passow auch bei Versammlungen der Deutschen Front als Redner eingesetzt.

Der in Völklingen wohnende und im Hüttenkrankenhaus angestellte Heilgehilfe Jakob Eich trat mehrmals als Referent auf geschlossenen Mitgliederversammlungen der NSDAP-Ortsgruppe Fürstenhausen auf. In einem Fall wurde ebenfalls vor ca. 30 meist männlichen Teilnehmern das Parteiprogramm thematisiert. Auch Jakob Eich war off enbar als Redner für die spätere Deutsche Front aktiv.